Kritisches Denken.
Wibke Matthes (Dezember 2021)
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Das heutige Wissen ist morgen möglicherweise schon nicht mehr relevant. Und das Wissen wächst immer schneller: Die Ausgaben der New York Times einer Woche enthalten heute mehr Informationen als einer Person des 18. Jahrhunderts in ihrem ganzen Leben begegnet sind. Im Jahr 2010 sind mehr Informationen generiert worden als in den vorangegangenen 5.000 Jahren zusammen. Bei einer sich so rasant verändernden Welt ist es wichtig, sich zuverlässig neues Wissen anzueignen und vorhandenes Wissen kritisch zu hinterfragen. Eine der zentralen Future Skills ist daher das kritische Denken.
Lernende (ob als Schüler*innen, Studierende oder Berufstätige) müssen angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit in der Lage sein, mit komplexen Fragen umgehen zu können. Dazu gehört die Fähigkeit, auf Neues zu reagieren und neue Veränderungen zu gestalten. Es ist zudem in Zeiten von Fake News und alternativen Fakten sehr wichtig, dass verstärkt in die Ausbildung des kritischen Denkens investiert wird. Dabei geht es nicht darum, das „richtige“ Wissen zu vermitteln, sondern die Förderung der Selbstkompetenz zu erreichen, damit die Lernenden ihr eigenes Lernen steuern und mitbestimmen. Autonomie und kritisches Denken sind eng verknüpft.
Um zu erklären, wie das kritische Denken genau erworben werden kann, ist es wichtig zu verstehen, aus welchen Bestandteilen es sich im Einzelnen zusammensetzt. Wie alle Future Skills besteht auch das kritische Denken und das Problemlösen aus Wissen, Fähigkeiten und Werthaltungen. Zum Wissensaspekt zählt effektiv argumentieren, systematisch Denken und Belege bewerten zu können. Darin enthalten ist das Wissen über Systeme und Strategien zur Bewältigung unbekannter Probleme, über die Bedeutung von Beweisen für die Wissensbildung und das Wissen darüber, dass Glaubenssätze laufend neu bewertet werden, wenn widersprüchliche Beweise vorgelegt werden. Für kritisches Denken sind eine Vielzahl von Fähigkeiten notwendig. Dazu gehört effektiv begründen zu können. Dies erfordert es verschiedene Argumentationsweisen zu verwenden, die der jeweiligen Situation angemessen sind. Kritisches Denken ist systematisches Denken. Dazu gehört die Fähigkeit zu analysieren, wie die Teile eines Ganzen miteinander interagieren, um Gesamtergebnisse in komplexen Systemen zu erklären und zu erzeugen. Das bedeutet zugleich, dass die Ergebnisse des Denkprozesses angegeben werden, Rechtfertigungsverfahren und Argumente vorgelegt werden und dadurch in der Selbstregulierung und Selbstprüfung die Korrektheit der Vorgehensweise erkennbar wird. Die Werthaltungen hinter dem kritischen Denken zeigen, dass begründete Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen, das Ziel ist. Die Lernenden haben eine kritisch-reflektierten Haltung gegenüber ihrem eigenen Lernprozess und zeigen dies, indem sie ihre Erfahrungen und Lernprozesse beschreiben und diese Reflexionen in die Entscheidungsfindung integrieren. Dafür braucht es eine offene Haltung gegenüber Unbekanntem, Unkonventionellem und für innovative Lösungen. Dazu gehört auch, flexibel in der Betrachtung von alternativen Meinungen zu sein und die ehrliche Einschätzung der eigenen Vorurteile, so dass die Bereitschaft zum Überdenken oder revidieren der eigenen Ansichten vorhanden ist, wo es angezeigt ist. -
Wandel war schon immer, aber der Wandel geht heute viel schneller. Wir reden nicht mehr über Generationen sondern über Jahre. Schaut man sich die Kondratieff-Zyklen, also die langen Wellen der Konjunktur und ihre jeweiligen Basisinnovationen an, dann sieht man, dass die Wellen immer kürzer werden. Von der ersten zur zweiten Welle mit der Dampfmaschine als Basisinnovation waren es noch 80 Jahre, dann das Zeitalter der Elektrotechnik währte noch 50 Jahre und die letzte, die 5. Kondratieff-Welle der Informationstechnologien dauerte nur noch 30 Jahre. (i)
Kritisches Denken ist eine der wichtigsten Future Skills, weil sie uns in die Lage versetzt Wandel und Komplexität nicht nur zu verstehen, sondern durch Urteilskraft zu bewerten, Handlungsoptionen abzuleiten und damit den Wandel zu gestalten.
Charakteristisch für die digitale Transformation ist, dass wir laufend neues Wissen dazu gewinnen. Kritisches Denken bedeutet jedoch nicht möglichst viel Wissen zu sammeln und zur Verfügung zu haben. Es kann auch für die (Aus)Bildungs- und Weiterbildungssituation nicht darum gehen, allein das, was wir heute wissen zum Maßstab für Abschlüsse zu machen. Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft bemisst sich an der Zukunftsfähigkeit ihrer nachfolgenden Generationen. Bei einer sich rasant verändernden Welt sind auch Werkzeuge wichtig, sich schnell neues Wissen anzueignen. Menschen werden auch in Zukunft diejenigen sein, die Innovation und Gestaltung übernehmen, das wird weit wichtiger werden als vorgefertigte Lösungen zu nutzen. Und dazu braucht es kritische Reflexion und Analyse. Laufende Adaption ist wichtiger als reine Anwendung.
Wichtig ist dabei die Fähigkeit immer neues Wissen in vorhandene Wissenskategorien einzuordnen. Typisch für unsere Realität heute ist der Wettlauf zwischen Technologie und Bildung. Technologische Innovationen prägen die Arbeitswelt zur Zeit stark. Das führt dazu, dass wir mit dem alten Wissen nichts mehr anfangen können. Dann müssen neue Strukturen für den Umgang mit der Digitalisierung gefunden werden. Die Digitalisierung übt also den entscheidenden Druck aus, der zunächst zu Ängsten und zu Ablehnung führen kann. Oft stehen wir neuem Wissen, neuen Routinen und neuen Werten kritisch gegenüber und das ist auch gut so, denn nicht alles, was neu ist, ist auch gut. Auch die Masse an vorhandenem und zugänglichem Wissen überfordert viele. Dann hoffen wir auf Orientierung durch die Analyse des vorhandenen Wissens. Denn Entscheidungen, die wir treffen wollen, setzen Fakten voraus, deren Gültigkeit wir nicht immer selbst überprüfen können. Die Integration immer neuen Wissens, dessen Qualität wir ohne kritisches Denken nur schwer prüfen können, kann zum Auftreten von Dissonanzen führen, wenn Argumente und Beweisführungen sich widersprechen oder Belege durch andere Quellen widerlegt werden. Diese empfundenen Dissonanzen werden dann oft dadurch aufgelöst, dass im Zweifel denen Glauben geschenkt wird, die das bestätigen, was man ohnehin glaubt (confirmation bias). (ii) Schlimmer noch: unsichere Situationen, die Gefahr erahnen lassen, die man aber nicht sinnvoll erfassen und kommunikativ beschreiben kann, lösen Angst aus. Und Angst ist zwar ein Überlebensinstinkt, aber schon immer ein schlechter Berater für gute Entscheidungen gewesen. Und damit ist das Dilemma beschrieben: In Zeiten von Fake News, alternativen Fakten, kommunikativen und medialen Blasen müssen Menschen sich mehr als je zuvor auf die Glaubwürdigkeit und Aufrichtigkeit derer verlassen, von denen sie Informationen über Zusammenhänge in einer immer komplexer werdenden Wirklichkeit erhalten.
„Kritisches Denken heißt in Kürze: selbstgesteuertes, selbstdiszipliniertes, selbstüberwachtes und selbstkorrigierendes Denken.“ (iii) Kritisches Denken ermöglicht es im Prozess der Auseinandersetzung zu filtern, zu bewerten und einzuordnen. Kritisches Denken überprüft das Wissen sowie die Quellen auf Glaubwürdigkeit und Plausibilität. Dabei kommt es entscheidend auf Vertrauen an. Vertrauen in die Integrität von Quellen. Letztlich Vertrauen in Menschen. Dieses Vertrauen ist essentiell. Menschen wollen vertrauen, denn generelles Misstrauen und der vollständige Entzug von Glaubwürdigkeit hat zur Folge, dass wir keine Handlungsalternativen ableiten können. Um einer Informationsquelle oder in der zwischenmenschlichen Kommunikation vertrauen zu können, entscheiden sich die meisten daher nach Anzeichen zu suchen, die Vertrauen schaffen. Durch kritisches Denken wird diese Suche nach Anzeichen von Integrität ermöglicht. Denn kritisches Denken ist geprägt von einer Haltung, die „die Bejahung und Beherrschung strenger Qualitätskriterien“ (iv) voraussetzt. Kritisches Denken prüft effektiv die Grundlagen des Arguments, analysiert Grundsätze, bewertet Annahmen, hinterfragt Beweise, wägt Alternativen ab und zieht Schlüsse. Dafür sucht das kritische Denken nach transparenter Kommunikation, die Argumente präsentiert, Vorgehensweisen rechtfertigt und Standpunkte erklärt. Sie gibt sich nicht mit Halbwahrheiten, unbegründeten Behauptungen und inkonsistenten Beweisführungen zufrieden. Kritisches Denken nutzt und erwartete von Quellen und Argumentationen, bzw. von deren Autor*innen, dass diese auch Fehler zugeben und die Fehleranfälligkeit der Erkenntnis selbst thematisieren.
Kritisches Denken erfordert aktives Zuhören und Urteilsfähigkeit. Es fordert die Transparenz der Quellen von Argumenten und fragt nach nachvollziehbaren Erklärungen. Und es ist sich der Beziehung in der Kommunikation bewusst, reflektiert Interessen der Gesprächspartner*innen und Quellen. Durch kritisches Denken entwickeln wir eine habitualisierte Haltung „von Reflexivität und Distanz gegenüber der aktuellen und der antizipierten Praxis“ (v). Der Umgang mit Komplexität wird durch das kognitive Verstehen von Zusammenhängen sowie die affektive Auseinandersetzung mit individueller Betroffenheit, persönlicher Meinung oder ethisch moralischer Verantwortung ermöglicht. Kritisieren bedeutet zu klären, welche Zusammenhänge bestehen und Nichtzusammengehöriges zu trennen sowie Grund und Begründetes getrennt voneinander zu beleuchten. Urteilsfähigkeit beinhaltet die Fähigkeit, Begriffe und Argumente als wahr oder falsch zu identifizieren, das Besonderen unter dem Allgemeinen einzuordnen und die Überzeugung, dass empirische Erkenntnis ihre Gültigkeit hat. Kritisches Denken ermöglicht es, basierend auf Wissen und Urteilskraft verantwortungsvoll zu handeln. Es geht beim kritischen Denken nicht bloß um das Einüben und Nutzen eines Regelwerks zur Überprüfung von Informationen und Argumentationen. Letztlich dient das kritische Denken als Future Skill der Beurteilung von Handlungsalternativen. Dies setzt ein „Gefühl individueller Zuständigkeit“ (vi) voraus, denn wir betrachten diejenigen Zusammenhänge oder Argumente kritisch, für die wir uns zuständig fühlen. Das kritische Denken wird individuell eingesetzt, um situationsbezogen einen Standpunkt zu finden und verantwortliches Handeln ableiten zu können. Das Handeln beruht auf dem Urteilen. Dies beinhaltet die Fähigkeit Sachurteile und normative Urteile fällen zu können. Sachurteile werden durch das Zusammentragen von Sachverhalten gefunden. Sie müssen sich durch reale Beispiele begründen lassen. Normative Urteile sind Wert-, Entscheidungs- und Gestaltungsurteile. Werturteile können durch Bewertung und Stellungnahme erreicht werden. Entscheidungsurteile werden über das Ausführen oder Nicht-Ausführen einer Handlung getroffen. Gestaltungsurteile gestalten einen ganzen Problemlösungsprozess. (vii) Sachurteile und normative Urteile basieren auf kritischem Denken.
Kritisches Denken ist erlernbar. Mehr noch: niemand kann von allein kritisch denken. „Von Natur aus vermögen wir weder unsere egozentrischen Annahmen noch die egozentrische Verwendung und Interpretation von Information, weder die Quelle egozentrischer Konzepte und Ideen noch die Folgen egozentrischer Denkansätze zu erkennen. Von Natur aus sind wir uns der eigennützigen Perspektive nicht bewusst.“ (viii) Um kritisches Denken zu lernen, gilt es sich Methoden und Techniken anzueignen, die den Perspektivenwechsel fördern und den zyklischen Prozess der Selbstüberprüfung pflegen. Hierfür ist neben der individuellen Zielformulierung die Beschreibung des eigenen Vorgehens bei der Argumentation, die Analyse und Interpretation des eigenen Denkprozesses sowie die Bewertung und Beurteilung dieses Prozesses notwendig, um schließlich die systematische Veränderung des eigenen Denkens, die Integration neuer oder anderer Argumente oder Sichtweisen zu planen. „So wird im Growth Mindset das ‚Warum‘ genauso wie das ‚Was‘ und ‚Wie‘ geklärt, um der Veränderung mit einer veränderten Haltung begegnen zu können.“ (ix) Kritisches Denken benötigt also argumentative Klarheit, Richtigkeit, Exaktheit und Relevanz. Tiefgang, Vernetzung durch das Einbringen anderer Perspektiven und Logik gehören ebenso dazu. Kritisches Denken bedeutet auf der anderen Seite auch selbst konsistent und kohärent zu argumentieren. (x) Dazu ist eine Haltung erforderlich, die intellektuellen Mut, intellektuelle Unabhängigkeit, Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit, Vertrauen in die Vernunft und Gerechtigkeitssinn erfordert. (xi) -
i Hans-Jörg Naumer, #GreenGrowth: „Der nächste Kondratieff wird ein grüner sein“, www.allianzglobalinvestors.de, 2021
ii Bettina J. Casad, "confirmation bias". Encyclopedia Britannica, 9 Oct. 2019, https://www.britannica.com/science/confirmation-bias. Accessed 17 December 2021.
iii Richard Paul, Linda Elder, Kritisches Denken. Begriffe & Instrumente. Ein Leitfaden im Taschenformat, Stiftung für kritisches Denken,
http://www.criticalthinking.org/files/german_concepts_tools.pdf, 2003
iv ebd.
v Heinz E. Tenorth, Ein zwingender Luxus, In: duz Magazin, 4, 2013, S. 13
vi Sandra Seubert, Zivilcourage als politische Tugend. In: Gerd Meyer et. al. (Hrsg.) Zivilcourage lernen. Analysen – Modelle – Arbeitshilfen, 2004
vii Walter Jakoby, Problemlösungsprozesse, in: Walter Jakoby, Projektmanagement für Ingenieure, 2013
viii Richard Paul, Linda Elder, Kritisches Denken. Begriffe & Instrumente. Ein Leitfaden im Taschenformat, Stiftung für kritisches Denken,
http://www.criticalthinking.org/files/german_concepts_tools.pdf, 2003
ix Wibke Matthes et.al., Reflexion – die Königsdisziplin, in: Richtig gut studieren – welche Kompetenzen braucht unsere Zukunft?, https://www.zfs.uni-kiel.de/de/schluesselkompetenzen/documents-schluesselkompetenzen/richtiggutstudieren-vol2.pdf, 2019
x Oliver Schliemann, „Handwerk Philosophie“, https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/philosophie/angebote-und-hilfsmittel/hilfsmittel/handreichung_argumentieren.pdf, 2013
xi Richard Paul, Linda Elder, Kritisches Denken. Begriffe & Instrumente. Ein Leitfaden im Taschenformat, Stiftung für kritisches Denken,
http://www.criticalthinking.org/files/german_concepts_tools.pdf, 2003